Wie innere Freiheit entsteht, wenn der Stressmodus endet
Viele Frauen funktionieren über Jahre hinweg auf hohem Niveau. Sie tragen Verantwortung, organisieren, denken mit, halten durch. Von außen betrachtet wirkt ihr Leben oft stabil, manchmal sogar erfolgreich. Und doch gibt es innerlich dieses leise Gefühl von Enge. Von Getriebensein. Von einem dauerhaften inneren Druck, der kaum noch hinterfragt wird.
Im Gespräch mit Kerstin Kolb wird deutlich, dass dieser Zustand kein persönliches Versagen ist, sondern eine logische Folge eines Nervensystems, das gelernt hat, ständig wachsam zu sein.
Stress ist kein Zeitproblem
Stress wird häufig mit vollen Terminkalendern oder zu vielen Aufgaben gleichgesetzt. Doch das greift zu kurz. Stress ist in erster Linie ein innerer Zustand. Ein Körper, der sich dauerhaft auf Gefahr eingestellt hat, auch wenn objektiv keine akute Bedrohung vorhanden ist.
Für viele Frauen ist dieser Zustand zur Normalität geworden. Sie merken oft erst sehr spät, wie angespannt sie tatsächlich sind, weil sich Anspannung vertraut anfühlt. Ruhe hingegen wirkt fremd oder sogar unangenehm.
Warum Freiheit im Nervensystem beginnt
Ein zentraler Gedanke unseres Gesprächs ist, dass Freiheit nicht dort entsteht, wo äußere Verpflichtungen weniger werden. Sie entsteht dort, wo der Körper Sicherheit erlebt. Solange das Nervensystem im Überlebensmodus arbeitet, gibt es keine echte Wahlfreiheit. Entscheidungen werden dann aus Pflichtgefühl, Angst oder Anpassung getroffen, nicht aus innerer Klarheit.
Das erklärt auch, warum sich viele Frauen trotz äußerer Unabhängigkeit innerlich unfrei fühlen. Der Körper ist noch im Alarmzustand, selbst wenn das Leben objektiv Spielraum bietet.
Wenn Entspannung sich nicht sicher anfühlt
Viele Ansätze zur Stressbewältigung setzen auf Techniken wie Atemübungen, Pausen oder Selbstfürsorge. Diese können unterstützend sein, reichen aber oft nicht aus. Wenn der Körper gelernt hat, dass Anspannung Sicherheit bedeutet, fühlt sich Entspannung zunächst unsicher an.
In solchen Fällen geht es nicht darum, sich weiter zu optimieren oder noch disziplinierter zu regulieren. Es geht um ein langsames Umlernen im Nervensystem. Um neue Erfahrungen von Sicherheit, die nicht erzwungen werden.
Alte Prägungen, die den Stressmodus nähren
Ein weiterer wichtiger Aspekt sind tief verankerte innere Programme. Viele Frauen tragen unbewusst Glaubenssätze wie „Ich muss stark sein“, „Ich darf nicht ausfallen“ oder „Ich sollte mich nicht zu sehr in den Vordergrund stellen“. Diese inneren Haltungen halten den Stressmodus aufrecht, selbst wenn sie längst nicht mehr notwendig wären.
Sich daraus zu lösen ist kein kognitiver Akt. Es ist ein körperlicher Prozess, der Zeit, Geduld und Ehrlichkeit erfordert.
Freiheit zeigt sich im Alltag
Freiheit ist nichts Abstraktes. Sie zeigt sich ganz konkret. In Entscheidungen, die nicht mehr aus innerem Druck heraus getroffen werden. In der Fähigkeit, Nein zu sagen, ohne sich erklären zu müssen. In einem Alltag, der sich innerlich weiter anfühlt, selbst wenn die äußeren Strukturen gleich bleiben.
Der erste Schritt in diese Richtung ist oft unspektakulär. Es ist das ehrliche Wahrnehmen des eigenen Zustands. Zu erkennen, wo man gerade steht und wie sich das eigene Erleben im Körper anfühlt.
Denn nachhaltige Veränderung beginnt nicht im Denken. Sie beginnt dort, wo Sicherheit wieder spürbar wird.
Wenn du tiefer in dieses Thema eintauchen möchtest, hör dir gern die Podcastfolge mit Kerstin Kolb an. Dort sprechen wir ausführlicher darüber, wie der Weg aus dem Stressmodus aussehen kann und warum Freiheit nichts ist, das man sich erarbeiten muss, sondern etwas, das entstehen darf.
Zwei Fragen zur Reflexion
Wo in deinem Alltag spürst du inneren Druck, obwohl äußerlich kein akuter Stress vorhanden ist?
Wie würde sich dein Leben anfühlen, wenn dein Nervensystem mehr Sicherheit erleben dürfte?

