Fehler sind nicht das Problem – unsere Angst davor schon
Fehler begleiten uns ein Leben lang. Und doch tun viele von uns alles dafür, sie zu vermeiden. Nicht, weil Fehler an sich so schlimm wären, sondern weil sie etwas in uns berühren: die Angst, nicht zu genügen, Erwartungen zu enttäuschen oder an Wert zu verlieren. Genau darin liegt das eigentliche Problem.
Wie früh Fehler mit Bewertung verknüpft werden
Schon sehr früh lernen wir, dass Fehler markiert werden. Rot angestrichen, korrigiert, kommentiert. Sie stehen nicht neutral im Raum, sondern werden bewertet. Für viele entsteht daraus unbewusst eine Verbindung zwischen Fehlern und persönlichem Versagen. Etwas ist falsch – also bin ich falsch.
Diese Prägung wirkt oft bis ins Erwachsenenleben hinein. Besonders Frauen tragen häufig einen hohen inneren Anspruch, alles richtig zu machen: in der Familie, im Beruf, im sozialen Miteinander. Fehler werden dann nicht als normale Erfahrung gesehen, sondern als Bedrohung des eigenen Selbstbildes.
Die Angst vor Fehlern kostet mehr als der Fehler selbst
Wenn Angst unser Handeln bestimmt, verändert sich unser Verhalten. Wir werden vorsichtiger, angepasster, zurückhaltender. Entscheidungen entstehen nicht aus innerer Klarheit, sondern aus dem Wunsch, bloß nichts falsch zu machen. Das führt selten zu stimmigen Lösungen, sondern vor allem zu Anspannung.
Dabei geht etwas Wesentliches verloren: Lebendigkeit, Kreativität und Mut. Fehlervermeidung engt ein. Sie schützt nicht, sondern begrenzt.
Fehler sagen nichts über unseren Wert
Ein zentraler Schritt im Umgang mit Fehlern ist die klare Trennung zwischen Handlung und Selbstwert. Ein Fehler beschreibt etwas, das nicht wie geplant gelaufen ist. Er sagt nichts darüber aus, wer wir sind. Diese Unterscheidung klingt einfach, ist aber tiefgreifend.
Wer sich selbst nicht mit jedem Fehltritt infrage stellt, kann offener hinschauen. Was ist passiert? Was brauche ich jetzt? Was kann ich daraus lernen? In dieser Haltung verlieren Fehler ihren bedrohlichen Charakter.
Was Kinder von unserem Umgang mit Fehlern lernen
Gerade im Familienalltag wird deutlich, wie prägend unser Umgang mit Fehlern ist. Kinder brauchen keine perfekten Erwachsenen. Sie brauchen ehrliche, verantwortungsvolle Vorbilder. Wenn sie erleben, dass Fehler benannt, eingeordnet und korrigiert werden dürfen, entsteht Sicherheit.
Perfektion erzeugt Druck. Menschlichkeit schafft Vertrauen.
Fehlerkultur als Grundlage für Entwicklung
Auch im beruflichen Kontext blockiert Fehlerangst Entwicklung. Wo alles abgesichert sein muss, entsteht kaum Raum für Neues. Lernen, Innovation und echte Verantwortung brauchen die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren – und gegebenenfalls zu korrigieren.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie wir Fehler vermeiden, sondern wie wir ihnen begegnen. Mit Härte oder mit Offenheit. Mit Selbstverurteilung oder mit Lernbereitschaft.
Ein entspannterer Blick auf das Unperfekte
Fehler gehören zu einem lebendigen Leben. Sie sind kein Makel, sondern Teil von Wachstum. Wenn wir aufhören, sie gegen uns selbst zu verwenden, entsteht etwas Neues: innere Weite, Klarheit und ein ruhigerer Kontakt zu uns selbst.
Diese Gedanken vertiefe ich auch im Gespräch mit Annett Stimmeder in der zugehörigen Podcastfolge. Dort sprechen wir darüber, wie Fehlerangst entsteht und was sie im Alltag mit uns macht.
Zwei Fragen zur Reflexion
Wo halte ich mich zurück, weil ich Angst habe, etwas falsch zu machen?
Wie würde sich mein Handeln verändern, wenn Fehler nichts über meinen Wert aussagen würden?

