Warum die spirituelle Blase vielen sensiblen Frauen nicht guttut

Spiritualität verspricht Orientierung, Halt und Sinn. Für viele Menschen ist sie eine wichtige Ressource geworden, um mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen. Gleichzeitig beobachte ich seit Jahren eine Entwicklung, die mich nachdenklich macht. Eine Spiritualität, die nicht verbindet, sondern trennt – vor allem von sich selbst.

Dabei geht es nicht um die Frage, ob Spiritualität richtig oder falsch ist. Sondern darum, wie sie gelebt und vermittelt wird. Und welche inneren Konsequenzen das für besonders sensible, reflektierte Frauen hat.

Wenn Gefühle als „niedrige Schwingung“ gelten

In der spirituellen Szene wird häufig ein Idealzustand propagiert: ruhig, gelassen, positiv, lichtvoll. Gefühle wie Wut, Traurigkeit, Neid oder Erschöpfung passen in dieses Bild nicht hinein. Sie werden als Zeichen von mangelnder Entwicklung oder falschem Denken interpretiert.

Für hochsensible Menschen ist das besonders problematisch. Sie nehmen feiner wahr, fühlen intensiver und reagieren stärker auf ihr Umfeld. Wenn sie dann lernen, dass bestimmte Gefühle „nicht sein sollten“, entsteht ein innerer Konflikt. Statt sich selbst zuzuhören, beginnen sie, sich zu kontrollieren. Emotionen werden nicht mehr als Hinweis verstanden, sondern als Fehler.

Dabei sind Gefühle Information. Sie zeigen uns, wo Grenzen überschritten werden, wo etwas nicht stimmig ist oder wo wir uns selbst aus dem Blick verlieren. Eine Spiritualität, die dazu auffordert, diese Signale zu übergehen, verliert ihre tragende Funktion.

Eigenverantwortung oder versteckte Schuld?

Ein weiteres zentrales Element der spirituellen Blase ist die starke Betonung von Eigenverantwortung. Auf den ersten Blick wirkt das stärkend. Bei genauerem Hinsehen kippt es jedoch oft in eine subtile Schuldzuweisung.

Wenn alles im Leben als Spiegel der eigenen Schwingung verstanden wird, dann trägt der Einzelne auch die Verantwortung für Überforderung, Krankheit oder Verletzung. Diese Sichtweise blendet aus, dass wir in sozialen, familiären und gesellschaftlichen Strukturen leben, die uns prägen und belasten können.

Gerade Frauen geraten dadurch in eine gefährliche Dynamik. Sie spüren ihre Erschöpfung, ihre Überlastung, ihr inneres Unbehagen – und erklären es sich gleichzeitig als eigenes Versagen. Statt Bedingungen zu hinterfragen oder Grenzen zu setzen, versuchen sie, sich innerlich zu optimieren.

Entwicklung braucht Ehrlichkeit, nicht Verklärung

Persönliche Entwicklung bedeutet nicht, immer leichter, ruhiger oder positiver zu werden. Manchmal bedeutet sie, unbequemer zu werden. Ehrlicher. Klarer. Zu erkennen, wo wir uns anpassen, aushalten oder schönreden, obwohl etwas in uns längst protestiert.

Tiefe entsteht nicht durch Dauerharmonie. Sie entsteht durch die Bereitschaft, das eigene Erleben ernst zu nehmen – auch dann, wenn es nicht ins Idealbild passt. Durch Bodenhaftung statt Abheben. Durch Klarheit statt spiritueller Überhöhung.

Spiritualität kann eine wertvolle Unterstützung sein. Aber nur dann, wenn sie nicht als Maßstab dient, an dem wir uns ständig messen, korrigieren oder verlieren. Sondern als Raum, in dem wir uns selbst näherkommen – mit allem, was zu uns gehört.

Wenn du tiefer in dieses Thema einsteigen möchtest, findest du in der zugehörigen Podcast-Episode weitere Gedanken und persönliche Einordnungen.

👉 Hier kannst du die Episode anhören

Zwei Fragen zur Reflexion

Wo versuchst du vielleicht, dich innerlich zu „verbessern“, statt dir zuzuhören?
Und welche Gefühle in dir warten gerade darauf, ernst genommen zu werden?


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Warum Journaling nicht für jede Frau der richtige Weg ist

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Du darfst überfordert sein