Warum Journaling nicht für jede Frau der richtige Weg ist

Journaling gilt heute fast als Grundvoraussetzung für Selbstreflexion. Wer sich besser verstehen, Gefühle sortieren oder innere Klarheit gewinnen möchte, soll schreiben. Regelmäßig, ehrlich, möglichst tief. Für manche Menschen ist das ein wertvolles Werkzeug. Für andere jedoch fühlt es sich erstaunlich unpassend an.

Viele hochsensible und sehr reflektierte Frauen machen die Erfahrung, dass Schreiben sie nicht beruhigt, sondern eher aktiviert. Gedanken werden zahlreicher, Emotionen intensiver, der innere Raum enger statt weiter. Was als ordnender Prozess gedacht ist, wird dann zu einer zusätzlichen Belastung.

Wenn Schreiben das Nervensystem eher anspannt als reguliert

Journaling ist stark nach innen gerichtet. Es fordert Aufmerksamkeit, Analyse und Sprache für innere Vorgänge. Wer ohnehin viel denkt, reflektiert und innerlich kommentiert, bleibt durch das Schreiben oft noch stärker im Kopf. Es entsteht kein Abstand zum Erlebten, sondern eine weitere Schleife darum.

Hinzu kommt, dass Journaling schnell unbewusst leistungsorientiert werden kann. Viele Frauen haben das Gefühl, sie müssten „richtig“ schreiben, tief genug gehen oder besonders ehrlich sein. Das Blatt Papier wird dann nicht zu einem sicheren Ort, sondern zu einem stillen Anspruch. Selbst ein sanft gemeintes Ritual kann so Druck erzeugen.

Nicht jedes System verarbeitet über Worte

Ein oft übersehener Aspekt ist, dass Sprache nicht für alle der primäre Verarbeitungsweg ist. Manche Menschen nehmen sich selbst stärker über Körperempfindungen, Bilder oder Bewegung wahr. Für sie kann Schreiben fremd, mühsam oder blockierend wirken. Das sagt nichts über ihre Tiefe oder Reflexionsfähigkeit aus, sondern über die Art, wie ihr Nervensystem Informationen integriert.

Gerade hochsensible Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf Methoden, die nach innen führen. Was für die eine klärend ist, kann für die andere überstimulierend sein.

Was stattdessen helfen kann

Wenn Journaling sich nicht stimmig anfühlt, lohnt es sich, den Fokus zu weiten. Selbstregulation muss nicht sprachlich sein. Für viele Frauen sind körperorientierte Zugänge deutlich entlastender: ein ruhiger Spaziergang, bewusstes Atmen, sanfte Bewegung oder einfaches Wahrnehmen ohne etwas benennen zu müssen.

Auch Gespräche können regulierender wirken als Schreiben. Oder kreative Formen des Ausdrucks, bei denen es nicht um Worte geht, sondern um Rhythmus, Farbe oder Form. Entscheidend ist nicht die Methode, sondern das Gefühl danach: mehr Raum, mehr Ruhe, mehr innere Ordnung.

Der passende Weg ist immer individuell

Es gibt kein Werkzeug, das für alle Menschen gleichermaßen funktioniert. Wenn Journaling für dich nicht hilfreich ist, bedeutet das nicht, dass dir etwas fehlt. Es bedeutet lediglich, dass dein System andere Zugänge braucht.

Sich selbst ernst zu nehmen heißt auch, populäre Methoden nicht automatisch zu übernehmen, sondern zu prüfen, was wirklich entlastet. Selbstregulation fühlt sich nicht anstrengend an. Sie fühlt sich sicher an.

Wenn du tiefer in dieses Thema eintauchen möchtest, findest du in der dazugehörigen Podcast-Episode weitere Einordnungen und Beispiele aus der Praxis.

👉 Hier kannst du die Episode anhören

Zwei Fragen zur Reflexion

Welche Formen der Selbstwahrnehmung fühlen sich für dich wirklich regulierend an?
Und wo zwingst du dich vielleicht noch in Methoden, die deinem System nicht entsprechen?


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Warum Stillstand kein neutraler Zustand ist

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Warum die spirituelle Blase vielen sensiblen Frauen nicht guttut