Wenn das Leben mit einem Trauma beginnt
Es gibt Biografien, die tragen von Beginn an eine besondere Schwere in sich – nicht, weil etwas „falsch“ gelaufen ist, sondern weil Sicherheit, Schutz und Verlässlichkeit gefehlt haben. In dieser Podcastfolge spreche ich mit Jessica Hirte über genau diesen Anfang. Über ein Leben, das früh von Trauma geprägt war, und über den langen Weg zu einem tieferen Verständnis für sich selbst.
Trauma beginnt früher, als wir denken
Trauma ist nicht immer ein klar benennbares Ereignis. Oft ist es ein Zustand. Jessica beschreibt, wie sie schon in ihrer frühen Kindheit in einem Umfeld aufgewachsen ist, das von Unsicherheit, emotionaler Kälte und fehlendem Schutz geprägt war. Damals gab es keine Worte für das, was sie erlebte. Doch ihr Körper reagierte – mit Anspannung, Wachsamkeit und dem ständigen Gefühl, sich anpassen zu müssen.
Gerade bei Entwicklungstrauma geht es nicht nur um das, was geschehen ist, sondern um das, was gefehlt hat: eine verlässliche Bezugsperson, emotionale Sicherheit, das Gefühl, gehalten zu sein.
„Mit mir stimmt etwas nicht“ – ein verbreitetes Missverständnis
Viele Frauen tragen ein tief verankertes Gefühl in sich, „irgendwie falsch“ zu sein. Auch Jessica kannte dieses Empfinden lange. Beziehungen waren schwierig, innere Ruhe kaum möglich. Erst später wurde deutlich: Diese Reaktionen sind keine Schwäche, sondern nachvollziehbare Anpassungen eines Nervensystems, das früh gelernt hat, ständig auf Gefahr vorbereitet zu sein.
Dieses Verständnis kann entlastend sein. Es verschiebt den Blick weg von Selbstkritik hin zu Selbstmitgefühl.
Der Körper erinnert sich
Ein zentrales Thema im Gespräch ist die Rolle des Körpers. Trauma ist nicht nur eine Erinnerung im Kopf, sondern eine Erfahrung, die im Nervensystem gespeichert bleibt. Der Körper reagiert oft, lange bevor der Verstand etwas einordnen kann.
Jessica beschreibt, wie wichtig es für sie war, genau hier anzusetzen: weniger zu funktionieren, weniger an sich „arbeiten“ zu wollen, und stattdessen zuzuhören. Was brauche ich gerade? Wo fühle ich mich sicher? Was hilft mir, mich zu regulieren?
Heilung bedeutet nicht, dass alles gut ist
Ein besonders wichtiger Gedanke: Heilung heißt nicht, dass die Vergangenheit verschwindet. Für Jessica bedeutet sie vielmehr, heute Wahlmöglichkeiten zu haben. Alte Muster zu erkennen, ohne sich von ihnen überwältigen zu lassen. Den eigenen Zustand wahrzunehmen und bewusst für sich zu sorgen.
Das ist kein linearer Prozess und kein Ziel, das man erreichen muss. Es ist ein behutsames Annähern an sich selbst.
Sich selbst ernst nehmen
Zum Abschluss des Gesprächs richtet Jessica eine klare Botschaft an Frauen, die spüren, dass ihre Geschichte ebenfalls von frühen Verletzungen geprägt ist, sich aber scheuen, das Wort Trauma zu verwenden: Man muss nichts beweisen. Wenn der Körper reagiert, gibt es einen Grund. Und es ist erlaubt, sich Unterstützung zu holen – im eigenen Tempo, auf die eigene Weise.
Diese Podcastfolge ist eine Einladung, die eigene Geschichte mit mehr Verständnis zu betrachten und sich selbst nicht länger infrage zu stellen.
Wenn du tiefer in das Gespräch eintauchen möchtest, findest du die vollständige Podcastfolge hier.
Zwei Fragen zur Reflexion
Wo in deinem Leben reagiert dein Körper vielleicht auf alte Erfahrungen, ohne dass du sie bisher ernst genommen hast?
Was würde sich verändern, wenn du diesen Reaktionen mit mehr Mitgefühl begegnen würdest?

