Wer bist du – jenseits von Rollen und Erwartungen?

„Wer bist du?“
Es klingt wie eine einfache Frage, und doch gehört sie zu den schwierigsten überhaupt. Viele von uns beantworten sie automatisch mit dem, was sie tun: mit ihrem Beruf, ihrer familiären Rolle oder der Verantwortung, die sie tragen. Diese Antworten sind nachvollziehbar – und gleichzeitig greifen sie zu kurz.

Denn sie beschreiben Funktionen, nicht Identität.

Wenn Sein mit Tun verwechselt wird

Schon früh lernen wir, dass Anerkennung an Leistung geknüpft ist. Wir werden gelobt, wenn wir etwas richtig machen, wenn wir hilfreich sind, wenn wir Erwartungen erfüllen. Unmerklich entsteht daraus eine innere Logik: Ich bin, was ich leiste.

Gerade sensible, verantwortungsbewusste Frauen wachsen häufig in diese Haltung hinein. Sie kümmern sich, organisieren, tragen mit. Ihre Identität verbindet sich zunehmend mit dem, was sie für andere tun. Das funktioniert lange gut – bis sich etwas verändert.

Wenn Rollen wegfallen, entsteht Leere

Krisen entstehen oft nicht durch äußere Umstände allein, sondern durch das, was sie innerlich auslösen. Wenn ein Lebensabschnitt endet, Kinder selbstständiger werden oder ein beruflicher Rahmen sich verschiebt, gerät das gewohnte Selbstbild ins Wanken.

Was dann spürbar wird, ist nicht selten eine diffuse Leere. Sie ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Hinweis darauf, dass das eigene Selbst lange stark an äußere Rollen gebunden war.

Identität beginnt jenseits von Funktionen

Die Frage „Wer bist du?“ lässt sich nicht mit einem Titel beantworten. Sie führt vielmehr zu anderen Ebenen:
Wie begegnest du dir selbst?
Was ist dir wesentlich, auch dann, wenn niemand etwas von dir braucht?
Welche Werte tragen dich – unabhängig von Leistung oder Anerkennung?

Diese Form von Selbstklärung ist still und unspektakulär. Sie braucht keine radikalen Entscheidungen, sondern Aufmerksamkeit. Es geht nicht darum, Rollen abzulehnen, sondern sie nicht mit dem eigenen Wesen zu verwechseln.

Innere Stabilität statt äußerer Absicherung

Wer sich selbst auch jenseits von Aufgaben kennt, erlebt mehr innere Ruhe. Veränderungen verlieren an Bedrohlichkeit, weil das eigene Selbstgefühl nicht mehr vollständig von äußeren Strukturen abhängt.

Diese Stabilität entsteht nicht über Nacht. Sie wächst dort, wo wir beginnen, uns ehrlich zu begegnen – ohne uns über Funktion oder Nutzen zu definieren.

Am Ende ist die Frage „Wer bist du?“ weniger eine, die beantwortet werden muss, als eine, mit der man leben lernt.

👉 Hier kannst du die Episode anhören

Zwei Fragen zur Reflexion

Was bliebe von mir, wenn ich meine Rollen für einen Moment beiseitelasse?
Und wie würde ich mir selbst begegnen, wenn ich nichts leisten müsste?


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Innere Balance als lebendiger Prozess

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Das stille Grundrauschen, das uns trägt