Wer bin ich – und wer bist du?
Es gibt Begegnungen, nach denen etwas in uns nachklingt. Kein konkreter Konflikt, kein offensichtliches Missverständnis – eher ein diffuses Gefühl von Unruhe oder innerer Verschiebung. Wir waren im Gespräch, im Kontakt, vielleicht sogar in Nähe, und dennoch bleibt eine feine Spannung zurück.
Gerade sensible, reflektierte Menschen kennen diese Momente gut. Sie nehmen Stimmungen wahr, Zwischentöne, unausgesprochene Erwartungen. Und nicht selten verlieren sie dabei ein Stück weit den Kontakt zu sich selbst.
Wenn sich innere Grenzen verschieben
In Beziehungen – egal ob privat oder beruflich – geraten wir schnell in vertraute Muster. Alte Rollen werden aktiviert, ohne dass wir es bewusst merken. Wir reagieren dann nicht aus dem heutigen Moment heraus, sondern aus früheren Erfahrungen.
Plötzlich fühlen wir uns verantwortlich für Gefühle, die nicht unsere sind. Oder wir erwarten vom Gegenüber etwas, das mit der aktuellen Situation wenig zu tun hat. Die innere Grenze zwischen „mir“ und „dir“ wird durchlässig.
Die klärende Frage
Die Frage „Wer bin ich – und wer bist du?“ wirkt auf den ersten Blick schlicht. Doch sie hat eine große ordnende Kraft. Sie unterbricht automatische Reaktionen und schafft inneren Abstand.
Wer bin ich gerade in diesem Kontakt?
Aus welchem inneren Zustand heraus spreche oder handle ich?
Und wer ist der andere – wirklich, hier und jetzt, jenseits meiner Annahmen?
Diese Unterscheidung hilft, Projektionen zu erkennen. Sie bringt uns zurück in die Gegenwart und in die eigene Verantwortung – nicht für den anderen, sondern für uns selbst.
Klarheit statt Abgrenzung
Es geht dabei nicht um Rückzug oder emotionale Distanz. Auch nicht um ein hartes „Bei mir bleiben“ um jeden Preis. Sondern um innere Klarheit. Um ein stilles Sortieren dessen, was zu uns gehört – und dessen, was beim anderen bleiben darf.
Gerade hochsensible Menschen profitieren davon. Weil sie viel wahrnehmen, schnell mitschwingen und oft mehr tragen, als notwendig wäre. Klarheit schützt nicht vor Nähe – sie macht Nähe erst möglich, ohne Überforderung.
Beziehung neu erleben
Wenn diese innere Haltung geübt wird, verändert sich Beziehung. Gespräche werden ruhiger. Erwartungen verlieren ihre Schärfe. Missverständnisse klären sich schneller, weil wir nicht mehr aus alten Bildern heraus reagieren.
Die Frage „Wer bin ich – und wer bist du?“ ist kein einmaliges Werkzeug. Sie ist eine Einladung, immer wieder bewusst in Kontakt zu treten – mit anderen und mit sich selbst.
Wenn du dieses Thema vertiefen möchtest, findest du in der zugehörigen Podcastfolge weitere Gedanken und Beispiele aus dem gelebten Alltag.
Zwei Fragen zur Reflexion
In welchen Beziehungen fällt es dir schwer, innerlich bei dir zu bleiben?
Wo könntest du heute einen Moment innehalten und diese Frage ganz bewusst stellen?

