Sei du selbst – warum dieser Satz oft mehr Druck als Freiheit erzeugt
„Sei du selbst“ ist ein Satz, der leicht gesagt ist. Er klingt nach Freiheit, nach Authentizität, nach innerer Klarheit. Und doch erleben viele Menschen genau das Gegenteil: Verunsicherung, Druck und das Gefühl, etwas nicht richtig zu machen. Denn wie soll man man selbst sein, wenn man den Kontakt zu sich im Laufe des Lebens verloren hat?
Im Gespräch mit Anna Lengwenus wird deutlich, dass Authentizität kein Zustand ist, den man einfach erreicht. Sie ist ein Prozess – und oft ein leiser, unbequemer Weg zurück zur eigenen Wahrnehmung.
Wenn Anpassung zur Gewohnheit wird
Viele Menschen lernen früh, sich anzupassen. Erwartungen von Eltern, Schule, Gesellschaft oder später dem beruflichen Umfeld prägen, wie wir auftreten und welche Seiten von uns willkommen sind. Diese Anpassung ist nicht falsch, sie dient oft dem Schutz und der Zugehörigkeit. Problematisch wird es dort, wo sie zur dauerhaften Strategie wird und der eigene innere Kompass dabei verloren geht.
Gerade hochsensible Menschen spüren sehr genau, was im Außen gebraucht wird. Sie reagieren fein auf Stimmungen, unausgesprochene Erwartungen und Konflikte. Dabei stellen sie die eigenen Bedürfnisse häufig zurück – nicht aus Schwäche, sondern aus Verbundenheit.
Wahrnehmung als Anfang von Authentizität
Sich selbst näherzukommen beginnt nicht mit großen Entscheidungen, sondern mit Wahrnehmung. Mit dem ehrlichen Hinsehen: Wann sage ich Ja, obwohl ich Nein meine? Wann halte ich mich zurück, um nicht anzuecken? Diese Momente sind keine Fehler, sondern Hinweise.
Gefühle wie innere Unruhe, Frustration oder Erschöpfung sind keine Störungen, sondern Informationen. Sie zeigen, dass etwas nicht stimmig ist. Sich selbst ernst zu nehmen bedeutet, diese Signale nicht sofort zu relativieren oder zu übergehen.
Die Angst, anders zu sein
Authentischer zu werden heißt oft auch, anders zu werden. Klarer. Abgegrenzter. Weniger verfügbar. Und genau das macht Angst. Denn Anderssein kann bedeuten, nicht mehr überall dazuzugehören. Beziehungen verändern sich, Rollen geraten ins Wanken.
Gleichzeitig berichten viele Menschen von einer tiefen Erleichterung, wenn sie beginnen, sich weniger zu verbiegen. Das Leben wird dadurch nicht automatisch einfacher oder konfliktfrei, aber es fühlt sich stimmiger an. Ruhiger. Wahrhaftiger.
„Sei du selbst“ ist kein Ziel, sondern ein Weg
Ein zentraler Gedanke aus dem Gespräch ist, dass Selbstsein kein Endpunkt ist. Wir verändern uns mit unseren Erfahrungen, Lebensphasen und inneren Prozessen. Sich selbst zu sein bedeutet nicht, eine feste Identität zu finden und daran festzuhalten, sondern immer wieder neu in Kontakt mit sich zu treten.
Dieser Weg braucht Geduld. Und oft auch Mut. Vor allem aber braucht er die Erlaubnis, langsam zu gehen und sich selbst dabei wohlwollend zu begleiten.
Wenn du das Gespräch in voller Länge hören möchtest, findest du die Podcast-Episode direkt hier auf der Website.
Zwei Fragen zur Reflexion
Wo in deinem Leben passt du dich an, obwohl es sich innerlich eng anfühlt?
Was würde sich verändern, wenn du deine eigenen Gefühle ernster nehmen würdest?

