Wenn Spiritualität nicht heilt, sondern ausweicht
Viele Frauen wenden sich der Spiritualität in Phasen zu, in denen das Leben eng geworden ist. Wenn alte Antworten nicht mehr tragen und ein tieferes Verstehen gesucht wird. Spiritualität verspricht Sinn, Weite und Verbindung. Doch sie ist nicht per se heilsam. Wie jeder innere Weg hat auch sie Seiten, über die selten offen gesprochen wird.
Dieser Text lädt dazu ein, genauer hinzusehen – nicht um Spiritualität abzuwerten, sondern um sie zu erden.
Spirituelles Umgehen statt ehrlicher Selbstbegegnung
Ein zentrales Phänomen ist das sogenannte spirituelle Umgehen. Dabei werden unangenehme Gefühle nicht integriert, sondern überspielt. Traurigkeit, Wut oder Angst gelten als „niedrig schwingend“ und werden möglichst schnell wegmeditiert oder positiv umgedeutet.
Was dabei verloren geht, ist die ehrliche Beziehung zum eigenen Erleben. Gefühle verschwinden nicht, nur weil man sie spirituell erklärt. Sie wirken weiter – oft im Verborgenen.
Wenn Verantwortung zur Schuld wird
Spiritualität betont häufig Eigenverantwortung. Das kann stärkend sein. Doch kippt dieser Gedanke, entsteht Schuld. Dann wird Leid als persönliches Versagen interpretiert: als falsche Haltung, mangelnde Ausrichtung oder unzureichendes Bewusstsein.
Gerade sensible, reflektierte Frauen sind dafür anfällig. Sie übernehmen ohnehin viel Verantwortung – und beginnen, sich auch für das Unkontrollierbare verantwortlich zu fühlen.
Abhängigkeit von Lehrern und Konzepten
Ein weiterer Schatten zeigt sich dort, wo spirituelle Autoritäten unkritisch erhöht werden. Wenn jemand glaubt, eine andere Person wisse besser, was für ihn richtig ist, geht der Kontakt zur eigenen inneren Orientierung verloren.
Spiritualität sollte jedoch Autonomie stärken, nicht ersetzen. Sie darf begleiten, aber nicht lenken.
Grenzüberschreitungen im Namen des Bewusstseins
Unter Begriffen wie Offenheit, Liebe oder Bewusstsein können Grenzen verschwimmen. Eigene Bedürfnisse werden relativiert, ein Nein gilt als unentwickelt, Unbehagen als Widerstand des Egos.
Doch ein reifer innerer Weg achtet Grenzen. Er verlangt keine Selbstaufgabe, sondern Präsenz.
Erdung statt Erhöhung
Spiritualität wird dann problematisch, wenn sie das Menschliche ausklammert. Ein tragfähiger Weg schließt Zweifel, Ambivalenz und Unvollkommenheit mit ein. Er braucht keine dauerhafte Positivität, sondern Wahrhaftigkeit.
Nicht das Licht ohne Schatten führt zu innerem Wachstum, sondern die Bereitschaft, beidem Raum zu geben.
Ein nüchterner, ehrlicher Zugang
Spiritualität kann eine wertvolle Ergänzung sein. Aber sie ist kein Ersatz für psychologische Reife, Selbstreflexion und gelebte Verantwortung. Sie dient nicht dazu, sich zu erhöhen oder zu entziehen, sondern sich tiefer im eigenen Leben zu verankern.
Vielleicht beginnt genau dort ihre eigentliche Kraft.
Diese Gedanken vertiefe ich auch in der zugehörigen Podcast-Episode, in der ich die dunklen Seiten der Spiritualität noch differenzierter beleuchte.
Zwei Fragen zur Reflexion
Wo nutze ich innere Konzepte, um Gefühle nicht fühlen zu müssen?
Was bedeutet für mich ein spiritueller Weg, der mich nicht entfernt, sondern näher zu mir bringt?

