Die Wahrheit, die Zeit gebraucht hat
2019 war nach außen betrachtet ein funktionierendes Jahr. Arbeit, Präsenz, Inhalte – vieles lief. Und doch gab es etwas, das unausgesprochen blieb. Nicht aus Berechnung oder Zurückhaltung, sondern weil der innere Zugang dazu noch gefehlt hat. Manche Wahrheiten lassen sich nicht teilen, solange sie im eigenen Inneren noch keinen festen Boden haben.
Damals bestand die Überzeugung, erst verstehen zu müssen, bevor man spricht. Verantwortungsvoll einordnen, klar formulieren, sicher sein. Diese Haltung wirkte vernünftig – und war zugleich Teil eines Schweigens, das zunehmend belastend wurde.
Wenn Erschöpfung nicht mehr oberflächlich ist
Die Erschöpfung, die sich 2019 zeigte, hatte nichts mit einem vollen Kalender oder fehlendem Urlaub zu tun. Sie saß tiefer. Pausen reichten nicht mehr aus, um wirklich zu regenerieren. Der Körper meldete sich, die Konzentration veränderte sich, die Belastbarkeit nahm ab. Und dennoch ging es weiter.
Nicht aus Leichtsinn, sondern aus Gewohnheit. Aus dem inneren Glauben heraus, dass Aufhören keine Option ist. Dass es „anderen ja auch gelingt“. Dass es sich um eine Phase handeln müsse, die man übersteht, wenn man nur diszipliniert genug bleibt.
Die feinen Signale ernst nehmen
Was damals nicht erkannt wurde, war die Langsamkeit, mit der Grenzen überschritten werden können. Kein dramatischer Zusammenbruch, kein klares Stopp-Signal. Sondern leise Hinweise, die leicht zu überhören sind – besonders dann, wenn man gelernt hat, erst bei Deutlichkeit zu reagieren.
Diese feinen Signale wurden nicht ernst genommen. Nicht, weil sie unwichtig waren, sondern weil sie nicht laut genug erschienen. Weil sie nicht in das Bild von „echter“ Überforderung passten. Und weil tief verankert war, dass man erst dann stehen bleiben darf, wenn wirklich nichts mehr geht.
Rückblickend verstehen, was damals nicht möglich war
Mit zeitlichem Abstand wird sichtbar, dass genau diese Haltung weiter von sich selbst entfernt hat. Nicht aus Absicht, sondern aus Unwissen. Heute ist klarer, dass es Mut braucht, früher hinzuschauen. Bevor der Körper oder das Leben die Entscheidung abnehmen.
Die Wahrheit, über die heute gesprochen werden kann, war damals noch nicht tragfähig. Sie brauchte Zeit, Erfahrung und innere Stabilität. Nicht jede Wahrheit lässt sich im Moment ihres Entstehens aussprechen.
Warum Ehrlichkeit manchmal Zeit braucht
Heute darüber zu sprechen bedeutet nicht, etwas aufzudecken oder nachträglich zu dramatisieren. Es bedeutet, ehrlich zu sein über innere Prozesse. Darüber, dass Klarheit reifen muss. Und dass es vollkommen legitim ist, wenn Worte erst dann kommen, wenn man selbst bereit ist, sie zu halten.
Wenn du tiefer in diese Gedanken eintauchen möchtest, findest du in der zugehörigen Podcast-Episode weitere persönliche Einblicke und Zusammenhänge.
Zwei Fragen zur Reflexion
Welche inneren Signale übergehst du vielleicht, weil sie zu leise erscheinen?
Gibt es eine Wahrheit in dir, die noch Zeit braucht, bevor sie ausgesprochen werden kann?

